Pferde denken nicht wie Menschen

Alle Säugetiere (auch Menschen und Pferde) haben ähnliche autonome Nervensysteme, die u.a. für Verdauung, Herzfrequenz, Atmung und Organfunktion verantwortlich sind . Außerdem ist der Gehirnbereich, der für einfache Emotionen zuständig ist bei Pferd und Mensch sehr ähnlich. Auch die  Amygdala, die für die Verarbeitung von Angst und Stresssituationen zuständig ist und Ereignisse mit Emotionen verknüpft, ist bei Mensch und Pferd fast identisch. Ein  roßer Unterschied zwischen dem menschlichen und dem Pferdegehirn sind die Frontallappen. Diese sind beim Pferd kaum ausgeprägt, beim Menschen macht  dieser Bereich ca. 40% des Gehirns aus und ist somit sehr hoch entwickelt. Die Frontallappen sind verantwortlich für abstraktes Denken und hohe kognitive  Funktion, was wir benötigen um komplexere Emotionen empfinden zu können. Wir Menschen brauchen den Frontallappen zum Analysieren, Organisieren, planen der Zukunft und hinterfragen und fühlen von komplexen Emotionen. Da die Frontallappen beim Pferd kaum ausgebildet sind, liegen dessen Stärken woanders. Im Gegensatz zu uns sind Pferde viel achtsamer für Umweltveränderungen und viel reizoffener, was vorallem das Überleben als Fluchttier sichert. Würden Pferde Reize erst analysieren, würde das  wertvolle  Fluchtzeit kosten. Dafür sind die Gehirnregionen für die Verarbeitung von Sinnesreizen und das Bewegungsgefühl bei Pferden deutlicher ausgeprägt, als bei Menschen. Da den Pferden oft menschliche Eigenschaften zugeordnet werden, ist es wichtig hier nochmal genauer hinzuschauen, was Pferden NICHT möglich ist und ihnen somit die vermenschlichte Eigenschaften nicht zugeschrieben werden können. Pferde können nicht die Zukunft planen oder mit Absicht ungehorsam sein, denn ein Pferd handelt immer bedürfnissorientiert. Deshalb ist es aus meiner Sicht wichtig, die eigenen Glaubenssätze und was uns unser Umfeld suggiert bzw. was wir bisher über Pferde gelertn haben zu reflektieren.

Dieses Wissen führt aus meiner Sicht dazu, ein besseres Verständnis für Pferde zu entwickeln und weniger mit Unverständnis und dadurch zu emotional zu reagieren, geschweige denn Dinge zu persönlich zu bewerten. Dadurch greifen wir weniger zur Strafe oder Korrektur.

Die Art und Weise WIE wir auf Widersetzlichkeit, Stress, Schmerzen oder Unwohlsein reagieren entscheidet wie sehr uns das Pferd vertrauen kann und sich  "sicher und gesehen” fühlt. Reagieren wir verständnisvoll auf die Bedürfnisse und Grenzen unseres Pferd und entwickeln einen gemeinsamen Weg, muss es nicht immer lauter und heftiger reagieren. Zeichen wie Steigen, Losreißen, Beißen oder Treten dienen hier als  Kommunikation.  Eine Steigerung des nicht gesehen werden ist u.a. Dissoziation/ Shutdown, Persönlichkeit “nicht sichtbar” leere Hülle, leere Augen.. Der Schlüssel liegt darin, wie in jeder guten Beziehung Kompromisse zu finden.  Dafür brauchen wir unweigerlich Verständnis für die Ängste, Bedürfnisse und Sorgen unseres Pferdes.

kleiner Exkurs: Erlernte Hilflosigkeit (Beispiel: Natural Horsemanship: das Join up)

Die erlernte Hilflosigkeit ist die aufgrund negativer Erfahrung entwickelte Überzeugung, die Fähigkeit zur Veränderung der eigenen Lebenssituation verloren zu  haben. Pferde in einem derartigen Zustand, lassen alles über sich ergehen und reagieren nicht mehr mit Abwehr oder Fluchtverhalten. Ihre Kommunikation ist auf  ein Minimum reduziert. Das sind oft die Pferde die unter die Kategorie "Kadavergehorsam" gehören und in den Augen ganz leer aussehen. Oft werden sie als faul,  tur, langsam abgestempelt. Eigentlich brauchen sie aber jemanden, der sie wieder aus ihrer eigenen Welt herausholt und ihnen zeigt, dass das Leben lebenswert ist.